Programmübersicht
Eröffnet wird das Konzert mit George Gershwins Lullaby für Streichquartett, einer melancholischen Miniatur zwischen Klassik, Jazz und Salonmusik, die besonders durch ihre für die 20er Jahre typischen swingenden Synkopen besticht. Danach steht Sergei Prokofjews erstes Streichquartett auf dem Programm, das 1930 entstand und „nachrevolutionär“ ist, da es auf die Traditionen russischer Volksmusik eingeht und sich deshalb durch eine einfachere und damit auch eingängigere Harmonik auszeichnet, gleichzeitig aber mit seiner ausgefeilten Polyphonie recht anspruchsvoll ist. Weiter geht es mit Henriëtte Bosmans einzigem Streichquartett, das sie 1927 schuf und durch unkonventionelle Harmonien, rhythmische Finessen und ausdrucksstarke Melodien gekennzeichnet ist. Zum Abschluss gibt es die Fünf Stücke für Streichquartett von Erwin Schulhoff, mit denen ihm 1924 der Durchbruch gelang, nicht zuletzt, weil es „jugendlich freche Stücke am Puls der Zeit“ sind.
1. George Gershwin – Lullaby für Streichquartett (1919)
2. Sergei Prokofjew – Streichquartett Nr. 1 op. 50 (1930)
3. Henriëtte Bosmans – Streichquartett (1927)
4. Erwin Schulhoff – 5 Stücke für Streichquartett (1924)
Erläuterungen zum Programm
1. George Gershwin (1898-1937) verband Jazz und klassische Musik in seinen Werken und verhalf dem “sinfonischen Jazz” zum Durchbruch. 1919 schrieb er das “Lullaby” (“Schlaflied”) für Streichquartett als Kompositionsübung. Uraufgeführt und berühmt wurde es erst posthum. Die Melodie gefiel Gerwshin allerdings so gut, dass er sie im Eröffnungsstück seiner Oper “Blue Monday” (1922) wiederverwendete.
Wir haben dieses unterhaltsame Stück als Einstieg in unsere musikalische Reise in die Goldenen 20er gewählt. Man kann die wichtigsten Elemente der damaligen Zeit gut heraushören: den Einfluss der Unterhaltungsmusik und des Jazz und eine humorvolle, fast karikaturistische Spielweise.
2. Sergei Prokofjew (1891-1953) war vom gesellschaftlichen Auftrag der Musik überzeugt; deshalb die Vereinfachung seiner Harmonik und die klareren Konturen seiner Melodien und deshalb auch der Rückgriff auf russische Volksmusik. So wurde seine Musik zugänglicher, vielleicht auch verständlicher.
Das erste Streichquartett in h-Moll (1930) besteht aus drei Sätzen: I. Allegro, II. Andante molto – Vivace, III. Andante. Der erste Satz beginnt energisch und wird durchgehend von einer Art Motor vorangetrieben. Der zweite Satz beginnt in einem dunklen, getragenen Andante, das allerdings bald von einem spritzigen Vivace überrollt wird. Im dritten Satz findet das Werk seinen emotionalen Höhepunkt und nimmt die Zuhörenden mit auf eine farbige und gefühlvolle Reise. Wider aller Erwartung endet das Werk ohne fulminantes Finale mit diesem introspektiven dritten Satz.
Unsere Wahl fiel auf dieses Streichquartett, weil es viele Elemente enthält, die für die Musik Prokofjews und die Zeit des Aufbruchs nach der Oktoberrevolution charakteristisch sind.
3. Henriëtte Bosmans (1885-1952) schrieb in den 20er Jahren Musik im spätromantischen und impressionistischen, aber auch modernen Stil. Ihr internationaler Durchbruch als Komponistin gelang ihr jedoch erst relativ spät in den 30er Jahren.
Ihr Streichquartett (1927) besteht auch aus drei Sätzen: I. Allegro molto moderato, II. Lento, III. Allegro molto. Es ist von Debussy und Ravel beeinflusst und von Tempowechseln, emotionalen Ausbrüchen und atmosphärischen Stimmungen geprägt. Während der erste Satz landschaftlich optimistische Bilder malt, ist der zweite Satz reflektiert, melancholisch bis düster und bis zum Ende ambivalent. Der letzte Satz erinnert an die Themen der Impressionisten: Industrialisierung, emotionaler Konflikt mit der Schnelllebigkeit des modernen Lebens und gipfelt schließlich in einer Explosion.
Wir haben dieses Streichquartett gewählt, um an eine Komponistin zu erinnern, die während der Besetzung der Niederlande durch Nazi-Deutschland verfemte war, da sie in der niederländischen Kultuurkamer als “Jüdische Komponistin” registriert war.
4. Erwin Schulhoff (1894-1942) war stark vom politischen Klima seiner Zeit geprägt. Persönlich gefördert von Berühmtheiten wie Antonin Dvořák und Alban Berg entwickelte Schulhoff seine eigene Klangsprache, charakterisiert von seiner Liebe zum Jazz, dem Tanz, bildender Kunst der Zeit, seinem zynischen Humor und seiner Freude am Experimentieren.
Seine “Fünf Stücke für Streichquartett” bestehen aus folgenden Sätzen: I. Alla Valse viennese (allegro), II. Alla Serenata (allegretto con moto), III. Alla Czeca (molto allegro), IV. Alla Tango milonga (andante), V. Alla Tarantella (prestissimo con fuoco). Es handelt sich um Charakterstücke, die Tänze karikieren. Ein Vergleich mit den Wiener Expressionisten der bildenden Kunst der 20er-Jahre kommt in den Sinn: grotesk, überspitzt, leidenschaftlich.
Erwin Schulhoff starb 1942 in der Internierung an Tuberkulose, da ihm die Emigration in die Sowjetunion verwehrt war. Nach der „Ausradierung“ seiner Werke durch die Nazis wurden seine Werke erst in den 80er Jahren wiederentdeckt. Deshalb wollen wir auch an ihn erinnern, zumal seine Musik stark in den 20er Jahren verwurzelt ist.
Das Maring Quartett
ist ein junges und vielseitiges Ensemble aus den Niederlanden. Gegründet wurde es 2023 von Anna Maring, Melody Lau, Valentina Grand und Marianne Fusenig am Royal Conservatoire Den Haag. Dort erhielten sie Unterricht von Janet Krause und Lech Antonio Uszynski. Darüber hinaus nahmen sie zusammen an internationalen Meisterkursen und Festivals wie ECMA, Kamermuziekatelier Delft und Xenia Chamber Music Association teil, die ihnen die Chance gaben von renommierten Musikern wie dem Cuarteto Casals, Dirk Mommertz, Minna Pensola, Donald Grant, Martin Stupka sowie Elizabeth Wilson und Igor Polesitsky zu lernen.
Die vier verbindet nicht nur ihre Liebe zum Repertoire, sondern vor allem die Freude am gemeinsamen Musizieren. Sie konzertieren regelmäßig in den Niederlanden und im Ausland – um ihre Begeisterung mit dem Publikum zu teilen.
Kurzbiografie der Musikerinnen
Anna Maring begann im Alter von fünf Jahren bei Rita Rouw in Groningen mit dem Violinunterricht. Schon früh wusste sie, dass sie professionelle Geigerin werden wollte. Ihre Ausbildung setzte sie bei Ilona Sie Dhian Ho fort, zunächst in der Abteilung für junge Talente des Prins Claus Conservatoire Groningen und später als Bachelorstudentin am Royal Conservatoire in Den Haag. Anfang 2024 ging Anna nach Paris, um bei Philippe Graffin am Conservatoire National Supérieur de la Musique zu studieren. Anschließend kehrte sie nach Den Haag zurück, um dort bei Joseph Puglia ihr Bachelorstudium abzuschließen. Derzeit setzt sie ihr Studium bei ihm im Masterstudiengang fort.
Anna Maring spielt eine wunderschöne französische Violine aus dem Jahr 1757 von einem unbekannten Geigenbauer, die ihr großzügigerweise von der Dutch Musical Instruments Foundation (NMF) zur Verfügung gestellt wird. Ihr Bogen wurde von der Own Musical Instrument Foundation (SEM) mitfinanziert, wofür sie sehr dankbar ist.
Melody Lau ist eine in Hongkong geborene Violinistin, die in den Niederlanden lebt. Sie absolviert derzeit ihren Master of Music am HKU Utrechts Conservatorium bei Chris Duindam. Zuvor erwarb sie ihren Bachelorabschluss am Royal Conservatoire Den Haag, wo sie bei Arisa Fujita studierte. Als engagierte und aktive Kammermusikerin tritt Melody regelmäßig als Geigerin in Streichquartetten und Duos auf. Zu ihren Orchesterengagements zählen Auftritte mit dem Radio Filharmonisch Orkest und Sinfonia Rotterdam sowie Festivalauftritte mit dem Nationaal Jeugdorkest (NJO) und dem Schleswig-Holstein Musik Festival.
Valentina Grand ist eine österreichische Bratschistin. Ihr Bachelorstudium am Royal Conservatoire The Hague bei Ásdís Valdimarsdóttir und Timur Yakubov schloss sie im Juni ab. Ab Oktober setzt sie ihre Ausbildung im Masterstudium an der Hochschule für Musik und Tanz Köln bei Öykü Canpolat-Rast fort. Ihre künstlerische Tätigkeit umfasst Soloauftritte, Kammermusik und Orchesterspiel. Sie trat unter anderem mit dem Maring Quartett und dem Residentie Orkest Den Haag auf. Außerdem nahm sie an der Fontainebleau Summer School teil und war Solo-Bratschistin des Orchestre des Jeunes de la Méditerranée unter Evan Rogister. Wichtige musikalische Impulse erhielt sie in Meisterkursen bei Künstler*innen wie Kim Kashkashian, Hariolf Schlichtig, Isabelle van Keulen, Diemut Poppen, Anna Krimm und Thomas Selditz.
Marianne Fusenig begann im Alter von vier Jahren bei Martin Fusenig an der Musikschule Echternach mit dem Cellospiel. Ihre weitere musikalische Ausbildung erhielt sie zunächst am Conservatoire de la Ville de Luxembourg, wo sie bei Claude Giampellegrini studierte. 2019 wechselte sie an das Musikgymnasium Schloss Belvedere Weimar und setzte ihre Ausbildung bei Prof. Tim Stolzenburg fort. Anschließend absolvierte sie ihr Bachelorstudium am Royal Conservatoire Den Haag in der Klasse von Michel Strauss und Jan Ype Nota. Ihre musikalische Ausbildung setzt sie nun im Masterstudium an der Universität Mozarteum Salzburg bei Prof. Matthias Bartolomey fort. Weitere musikalische Impulse erhielt sie in Meisterkursen von Cellisten wie Raphael Wallfisch, Jean-Guihen Queyras, Alexey Stadler und Konstantin Heidrich. Ein Schwerpunkt ihrer musikalischen Tätigkeit liegt auf der Kammermusik. In verschiedenen Besetzungen arbeitete sie mit Musikerinnen und Musikern des Cuarteto Casals, des Jerusalem Quartet und des Klenke Quartetts zusammen. Zudem war sie Mitglied des Nationaal Jeugdorkest (NJO) und trat mit Orchestern wie Phion und Orkest de Ereprijs auf.